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Wenn's mir 

schlecht geht...

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Das Gasthaus

Das menschliche Dasein ist ein Gasthaus. Jeden Morgen ein neuer Gast. Freude, Depression und Geiz – auch ein Moment der Achtsamkeit kommt unverhofft zu Besuch. Begrüße und bewirte sie alle! … Behandle jeden Gast ehrenvoll. … Dem dunklen Gedanken, der Scham und der Bosheit – begegne ihnen lachend an der Tür und bitte sie herein. Sei dankbar, wer immer auch kommt. Alle werden dir von 'jenseits' geschickt um dich zu führen.

Jellaludin Rumi

… dann will ich erst einmal nicht, dass es so ist. Alles in mir kämpft gegen diese Tatsache an. Was selbstverständlich alles noch schlimmer macht.

Abstreiten hilft mir also schon mal nicht, aber versumpfen im Gefühlsgemisch hilft mir genauso wenig. Was mir hilft, ist in Bewegung zu kommen.

Zuerst einmal nehme ich einfach mal wahr: mir geht es nicht gut, es fühlt sich in mir nicht gut an.

Als nächstes nehme ich mir Zeit um hinzuspüren und hinzuschauen was da überhaupt ist. Ich versuche dem Ausdruck zu geben, um mich überhaupt zu hören oder sehen oder eben einfach wahrzunehmen. Für den Ausdruck gibt es in mir ganz verschiedene Möglichkeiten, ich spiele einfach Geige drauflos und höre mir selbst zu, welche Töne rauskommen. Oder ich zupfe am Cello oder streiche darüber und singe dazu Summtöne oder ich singe einfach irgendeinen Text und irgendeine Melodie, die mir durch den Kopf gehen. Ich schreibe Texte einfach drauflos oder probiere zu erfassen und über die Worte auszudrücken wie es mir geht, welches Gemisch an Gefühlen da ist/sein könnte. Ich zeichne wild drauflos, drücke aus, was in mir ist und sehe mir das Bild an, das entstanden ist. Manchmal kommt mir intuitiv ein Lied in den Sinn, welches ich dann höre und den Text dazu lese und schaue, in welche Stimmung es mich versetzt und was der Text ausdrückt. Wenn ich grad ganz mutig bin – und das braucht für mich tatsächlich Mut, weil ich aus der Ecke komme, alles immer alleine hinzubekommen – vertraue ich mich in disem sehr verletzlichen noch unklaren Zustand jemandem an. Mein Mann beispielsweise meint dann oft: du bist wieder am Suppe kochen, damit meint er, dass ich alles schwierige in einen Topf werfe und umrühre. Das hilft mir zu merken: Aha, ich sitze wiedermal im Sumpf, ich meine zwar, dass jetzt tatsächlich alles so schlimm ist, aber das sind die Gedanken, die mir das grad weis machen wollen.

Leider gibt es nicht das eine Patent-Rezept bei mir, es braucht immer wieder mal etwas anderes, was die Sache schwieriger, aber eigentlich auch interessanter macht. Manchmal spüre ich ganz schnell, aha, das ist jetzt der passende Ausdruck, manchmal brauche ich ewig, manchmal kriege ich es gar nicht richtig hin.

Es ist nicht immer so, dass ich nach diesen ‘Massnahmen’ schon genau weiss: Aha, so ist das gerade bei mir. Manchmal ist es erst eine Richtung. Manchmal spüre ich, wie etwas in mir zur Ruhe kommt, wie mein Globusgefühl im Hals sich aufzulösen beginnt. Ein andermal nehme ich Schmerzen von der Anspannung wahr, die sich angestaut hat und sich langsam löst. Manchmal werde ich müde. Manchmal bleibt es einfach genau so, wie ich es ‘angetroffen’ habe.

Wenn nichts hilft, muss ich auch einfach manchmal ganz alltägliche Dinge tun, wie Haushalten, Kochen, Wäsche waschen. Das gibt mir Boden, erdet mich, bringt mich in die Gänge und gleichzeitig staut es nicht die Dinge auf, die mir nachher noch weitere Zutaten in der Suppe werden. Da kann dann sogar noch weiter gehen zu Rechnungen zahlen, Admin-Dinge erledigen, die ich längst hätte anpacken sollen und dann kann es sogar ein Teil der Suppe wieder etwas ordnen.

Je mehr ich es schaffe, Distanz zu diesem Gemisch an schwierigen Gefühlen zu gewinnen, umso mehr kann ich mich darum kümmern. Manchmal sage ich innerlich dem Gefühl auch ganz direkt: gib mir bitte Raum, damit ich schauen kann, was es gerade braucht. Manchmal stelle ich ein Symbol – wie einen Stein oder eine Figur – auf, um es zu betrachten und mit dem Gefühl oder dem Chaos in Kontakt zu kommen. Bin ich das Gefühl, kann ich nicht in Kontakt sein, sondern verliere mich darin.

Wenn es ein Gefühlsgemisch ist, hat es bei mir meist irgendwo einen Anfang gehabt und das ‘eigentliche’ Gefühl wurde meinerseits ignoriert. Etwas Grösseres, das ich vor mir herschiebe, weil ich nicht weiss wo anfangen oder irgendein kleiner Trigger, in einem zwischenmenschlichen Kontakt, der mir ein Stich ins Herz versetzt hat, oder ein Fehler oder vermeintlicher Fehler, der mir auf dem Magen liegt. Und weil ich dem in dem Moment nicht annehmend begegnet bin, sondern es sofort wieder zugedeckt, mir nicht eingestehen wollte und weggemacht habe, geht es seinen eigenen Weg, um auf sich aufmerksam zu machen. Das ignorierte Gefühl oder gar das nicht gesehene innere Kind – fährt andere Geschütze auf, schreit alle meine Schutzanteile zusammen, die dann kräftig um sich prügeln, gerne und oft mit Selbstabwertung oder ab und an mal Abwertung anderer auf mich zukommen. Ich kann auch versumpfen in überflüssigen Handy-Inputs oder anderweitigen Beschäftigungen. Dadurch ist dann natürlich das eigentliche Gefühl und der eigentliche Auslöser nicht mehr zu erkennen, wird überwältigend und kann auch nicht mehr eingeordnet werden. Also muss ich mich erst einmal mit der Machete durch den Dschungel jäten.

Manchmal sitzt dieses Gefühlsgemisch also immer noch hartnäckig auf mir und will und will nicht weg, dann werde ich häufig körperlich.

Das heisst, das eine mal fange ich beispielsweise mit Wut an. Ich komme in den Körper, spanne meinen Körper an, spüre ihn, mache Wut-Grimassen mit meinem Gesicht, fuchtle mit den Armen, stampfe mit den Beinen, schreie dazu, fluche drauflos, was das Zeug hält, schüttle mich bis oben hin zum Kopf, Puste durch die Lippen, bewege meine Zunge – kurz gesagt: ich verhalte mich so, wie wir es uns nie und niemals in der Öffentlichkeit trauen würden. Das gibt mir wieder Kraft, zumindest mehr, als im Gefühlswirr-warr unterzugehen. Ich spüre mich, ich spüre meinen Körper. Ich bin da und ich bin präsent. Ich kann dann z.B. in meinen Eigenraum/Schutzkreis stehen (Ein Kreis um mich mit einem Seil) und stelle dann auch ganz bewusst raus, was nicht zu mir gehört, z.B. eine Person die mir zu nahe gekommen ist oder die Scham oder die Schuld, die mich übernommen hat, weil sie Kontrolle will und mein Verantwortungsgefühl nicht zum Zug gekommen ist. Manchmal braucht es ganz viel von dem und lange. Manchmal hilft das schon sehr und plötzlich verändert sich etwas, vielleicht kommen Tränen, die erleichternd wirken und manchmal bewirkt das überhaupt nichts.

Oder ich gehe weiter zur Traurigkeit: Ich stimme mich ein, mit einem traurigen Lied, schaue ich, was kommt mir da entgegen, vielleicht schaue ich einen Trailer (bei mir beispielsweise Natur-Dokus mit epischer Musik oder versuche mich irgendwie mit irgendwelchen Begriffen, die ich zum Beispiel google in diese Stimmung zu versetzen.

Hilft nichts, brauche ich: Wald! Dort komme ich ganz oft wieder zu mir. Häufig bin ich da ziellos unterwegs und gehe irgendwo entlang, nicht unbedingt den geführten Wegen, sondern ich folge meinem Herzen, dorthin, wo es mich hinzieht. Immer wieder entdecke ich im Wald kleine Wunder, die mich absolut faszinieren und vor allem finde ich mich dort wieder.

Wenn sich dann irgendwann der eigentliche Schmerz zeigt, kann mein System in die Ruhe kommen. Ausgelöst wurde er zwar häufig in einer Alltagssituation, ganz oft geht er aber tiefer und ein alter Schmerz ist, dem nicht mit Mitgefühl begegnet wurde und der doch einfach endlich Beachtung möchte. Meist sitzt bei mir der Schmerz irgendwo dort, wo ich etwas als Ablehnung erlebt habe. Je mehr es mir gelingt, den eigentlichen Schmerz freizumachen, zu erkennen, zum Kern dessen zu kommen, was mich wirklich plagt, umso klarer wird es, umso verständnisvoller werde ich, umso mitfühlender kann ich mit mir sein, umso liebevoller kann ich mit mir umgehen.

Und dann endlich kann ich es betrauern, annehmen und mich darum kümmern. Und es darf einfach sein, wie es ist.

Denise Brem, 01.04.2026

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