Ja zu mir -
Von Integrität und Treue zu sich selbst

"The most free person is the one that has nothing to hide"
unbekannt
Eine Supervisorin von mir sagte einmal, sie möge das Wort abgrenzen nicht so gerne und spreche lieber von eingrenzen. Damals habe ich nicht ganz verstanden, was sie meinte. Heute schon. Abgrenzen klingt hart. Es klingt nach Wegstossen, nach einem klaren Stopp – wie eine erhobene Hand, die ein Gegenüber auf Distanz hält. Und ja, manchmal braucht es genau das. Vor allem dann, wenn jemand immer wieder über eine Grenze geht.
Und doch: Während ich das schreibe, werde ich unsicher. Ist es wirklich das, worum es geht?
Ich komme zurück zu dem, was sich für mich stimmiger anfühlt: eingrenzen. Oder noch lieber: ein Ja zu mir.
Ein Ja zu mir ist kein direktes Nein zum Gegenüber – und doch kann es genau dazu führen. Wenn ich Ja zu mir sage, mache ich vielleicht beim einen mit und beim anderen nicht. Und das kann mein Gegenüber berühren. Vielleicht sogar triggern.
Und wenn du ähnlich tickst wie ich, wird dir das ziemlich zu schaffen machen:
Schuld.
Scham.
Und plötzlich bist du wieder da – zurück in der alten Spirale.
Bei mir treten Schuld und Scham sehr gerne gemeinsam auf, sobald ich beginne, mir selbst treu zu sein. Zwei starke Schützer, die verhindern wollen, dass ich heraussteche. Dass ich es anders mache. Dass ich angreifbar werde – und im schlimmsten Fall: abgelehnt.
Denn tief in mir ist gespeichert:
Mach es wie die anderen, dann gehörst du dazu.
Machst du es anders, droht Ausschluss.

Also geht es vielleicht gar nicht darum, laut Nein zu sagen. Sondern zuerst darum, Ja zu mir zu sagen.
Und schon beginnt sich etwas zu bewegen – in mir und um mich herum.
Konflikte entstehen. Nähe entsteht. Distanz entsteht. Menschliche Reaktionen zeigen sich.
Und das fühlt sich erst einmal ziemlich hart an. Wie ein inneres Luftanhalten.
Da beginne ich gerade, aus meinem kleinen Eck hervorzukriechen. Mich mehr zu zeigen. Mehr zu mir zu stehen. Grenzen zu markieren – oder eben: Ja zu mir zu sagen.
Zu meiner Freude.
Zu meiner Leichtigkeit.
Zu meinem Sein.
Und vor allem: zu meinem Weg.
Und kommt nicht gleich eine freudige, bejahende Reaktion vom Gegenüber, ziehe ich mich sofort wieder zurück und das macht mir sofort wieder schmerzhaft bewusst, warum ich so lange in meiner Ecke geblieben bin.
Ich habe viel Verständnis für mein bisheriges Sein. Dafür, wie schwer es war, auf mich zu hören. Denn genau die Ängste, die mich zurückgehalten haben, können real werden:
Ich gefalle nicht mehr allen.
Ich bin nicht mehr bequem.
Ich passe nicht mehr ins Raster.
Und dann aber lerne ich langsam zu unterscheiden:
Aha – die Reaktionen gehören vielleicht gar nicht zu mir.
Ich gehe einen Schritt, und dieser Schritt hat Reaktionen zur Folge. Diese können von A bis Z reichen. Und je mehr ich das erlebe, desto klarer wird: Es hat nicht nur mit mir zu tun. Oft spiegle ich etwas.
Um das zu verdeutlichen, mag ich folgende Geschichte:
vom Vater, dem Sohn und dem Esel (Frei nach Nasreddin Hodscha)
Ein Vater zog mit seinem Sohn und einem Esel in der Mittagshitze durch die staubigen Gassen. Der Sohn führte und der Vater sass auf dem Esel: „Der arme kleine Junge“, sagte ein vorbeigehender Mann. „Seine kurzen Beine versuchen, mit dem Tempo des Esels Schritt zu halten. Wie kann man nur so faul auf dem Esel sitzen, wenn man sieht, dass das Kind sich müde läuft?”
Der Vater nahm sich dies zu Herzen, stieg hinter der nächsten Ecke ab und liess den Jungen aufsitzen.
Es dauerte nicht lange, da erhob schon wieder ein Vorübergehender seine Stimme: „So eine Unverschämtheit! Sitzt doch der kleine Bengel wie ein König auf dem Esel, während sein armer, alter Vater nebenherläuft.“ Dies tat nun dem Jungen leid und er bat seinen Vater, sich mit ihm auf den Esel zu setzen.
„Ja, gibt es sowas?“, sagte eine alte Frau. „So eine Tierquälerei! Dem armen Esel hängt der Rücken durch und der junge und der alte Nichtsnutz ruhen sich auf ihm aus. Der arme Esel!“
Vater und Sohn sahen sich an, stiegen beide vom Esel herunter und gingen neben dem Esel her. Dann begegnete ihnen ein Mann, der sich über sie lustig machte: „Wie kann man bloß so dumm sein? Wofür hat man einen Esel, wenn er einen nicht tragen kann?“
Der Vater gab dem Esel zu trinken und legte dann die Hand auf die Schulter seines Sohnes. „Egal, was wir machen“, sagte er, „es gibt immer jemanden, der damit nicht einverstanden ist. Ab jetzt tun wir das, was wir selber für richtig halten!“
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann sind sie vielleicht irgendwo zu dritt tanzend unterwegs.
(Herzliche Anmerkung einer lieben Freundin.)
Etwas, das viele von uns gelernt haben: Stell andere an erste Stelle.
Kümmere dich um die Bedürfnisse der anderen.
Halte dich selbst zurück - und vielleicht bekommst du dafür Anerkennung. Oder zumindest bleibst du Teil des Rudels.
Je mehr ich zu mir stehe, desto mehr zeigt sich: So will man mich nicht immer. Ich werde unbequem. Ich halte Spiegel hin. Ich rüttle an etwas, das sich für andere sicher angefühlt hat. Und das hat Konsequenzen.
Beziehungen verändern sich.
Manche werden wärmer, ehrlicher, näher. Endlich dürfen sich verborgene Ängste zeigen.
Neue werden gefunden.
Andere werden leiser.
Einige gehen vielleicht ganz.
Das tut weh.
Und damit wird gleichzeitig eine alte Angst wach: allein zu sein.
Viele wünschen sich Menschen, die sich anpassen. Die nicht aus dem Raster fallen. Die nicht „ausrasten“ (aus dem Buch 'Von Wölfen und Bären'). Die unter Kontrolle bleiben. So verständlich das ist – so schwierig ist es für diejenigen, die beginnen, genau das zu tun.
Denn es braucht oft nur einen Moment – und Schuld und Scham schicken einen zurück in die alte Ecke.
Was für eine ver-rückte Welt.
Wir versuchen, alle über einen Kamm zu scheren – und dabei ist doch offensichtlich, wie unterschiedlich wir sind.
Ich habe lange gedacht, ich sei ein bisschen ver-rückt.
Vielleicht bin ich es auch noch.
Und gleichzeitig wächst in mir die leise Hoffnung, dass genau dieses Ver-rückte das eigentlich Normale ist und ich spüre, wie viel Lebendigkeit darin steckt. Es ist nicht immer alles gut, schön, freudig, aber es ist lebendig.
In diesem wilden Sturm, braucht es etwas, das mich auf dem Weg hält.
Anker.
Und ein Ziel, wo es mich hinzieht.
Diese Anker zeigen sich für mich in echten Veränderungen:
Ein Gefühl von Erfüllung, das bleibt.
Ein spürbares Bei-mir-Sein-und-Bleiben im Körper.
Beziehungen, die liebevoller, offener, ehrlicher werden.
Liebe, die plötzlich Farbe bekommt.
Berührtheit im Kontakt mit anderen.
Zugang zu Kreativität, Musik, Bewegung.
Kraft aus der Natur.
Und ein tieferer Zugang zu meinen Gefühlen – auch zu denen, die ich lange gemieden habe.
Vor allem zu meiner grössten Angst: allein zu sein.
Und die Möglichkeit, mich dem liebevoll zuzuwenden.
Und das Ziel?
Es zeigt sich immer mehr.
In Momenten, in denen ich freier atmen kann.
In denen ich meinen Körper wirklich spüre.
In denen ich bei mir bleibe – auch im Kontakt mit anderen.
Mich zu zeigen.
Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen. Liebevoll zu sein.
Und dadurch Schuld und Scham immer öfter in die Ferien zu schicken.
Im Vertrauen zu sein, dass am Ende alles gut kommt.
Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.
(nach Oscar Wilde)
Bis dahin braucht es keinen Druck.
Druck ist Gift – das spürt man sofort im Körper.
Was es braucht, ist etwas anderes:
Eine kindliche, zugewandte Neugier auf das eigene Sein.
Geduld.
Und das Vertrauen, dass sich Dinge in ihrem eigenen Tempo entfalten.
Zum Abschluss eines meiner Lieblingsgedichte:
Über die Geduld (Rainer Maria Rilke)
Man muss den Dingen
die eigene, stille
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt,
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann;
alles ist austragen –
und dann gebären…
Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.
Er kommt doch!
Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind,
als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit…
Man muss Geduld haben
Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.
Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.
Denise Brem, 26.03.2026